Sonntag, 6. Oktober 2013

Querschwimmer - Auch irgendwie politisch

Bin begeisterte Schwimmerin. Theoretisch. Und im Urlaub. Und bis ich fassungslos vor den verschlossenen Türen des Stadthallenbads stand.
Habe nun Asyl im Amalienbad gefunden. Wie sämtliche anderen Stadthallenbad-Vertriebenen auch. Wir schwimmen jetzt alle dort. Vorzugsweise gleichzeitig.

Schwimmen wird zur Nebensache, der Pool zur Nahkampfzone.
Ich will doch nur gemütlich meine Bahnen schwimmen, um mich anschließend im Bewusstsein der Sportlichkeit zufrieden zum Mittagessen zu begeben.
Ist aber nicht möglich. Zwei Tempi - ausweichen - zwei Tempi - ausweichen - zwei Tempi - Aua! - zwei Tempi - "Idiot!".
Es bleibt also nur die Möglichkeit selbst zum Pool-Ninja zu mutieren oder das Ganze philosophisch anzugehen. Entscheide mich für Zweiteres - mangels entsprechender kämpferischer Fähigkeiten. Ich kann nur gut zwicken, im Notfall auch beissen, bin also im Wasser entschieden im Nachteil.

Studiere eingehend die um mich herumtobenden Wasserratten und identifiziere eindeutige Typen.

Typ 1 Hardcore-Planscher:  Vorzugsweise männlich, die Welt blickt auf sie. Sie schwimmen nicht, sie haben eine wichtige Aufgabe. Vermutlich Vorbereitung auf Olympia. Das Wasser ist der Feind, die anderen existieren nicht..
Taktische Strategie für andere: Ausweichen - schnell!

Typ 2 Möchte-Gern-Hardcore-Planscher: Auch vorzugsweise männlich. Täten gern so wollen, wie Typ 1 kann. Fehlt aber an schwimmerischem Können. Wird wettgemacht durch hartnäckiges so tun als ob. Eindeutig identifizierbar durch heftige Strampelbewegungen und eifriges  Kopfdrehen beim Kraulen - über Wasser.
Taktische Strategie für andere: Gefährlich, weil unkontrollierbar. Nix wie weg!

Typ 3 Gesundheits-Strampler: Männliche und weibliche Vertreter. Irgendjemand hat ihnen gesagt, dass Schwimmen gesund ist, vor allem Rückenschwimmen. Wärs auch. Wenn man es kann. Findet aber eher walroßartig statt. Brauchen mindestens zwei Bahnen. Etwas ungelenkes gleichzeitiges Rudern mit beiden Armen. Wurscht, ob viele andere im Becken sind. Große Empörung, wenn ihnen jemand draufschwimmt - "Schaun Sie doch, wo Sie hinschwimmen. Ich seh doch nichts auf dem Rücken!"
Taktische Strategie: Angriff (aus erzieherischen Maßnahmen) oder unten durchtauchen.

Typ 4 Plapper-Schwimmer: Vorzugsweise weiblich und immer zu zweit. Die Frisur darf nicht nass werden. Gemütliches Nebeneinanderschwimmen mit langen Pausen am Beckenrand. Warum seit Jahren mit der Figur nix weitergeht - "jetzt geh ich eh schon zweimal die Woche schwimmen, aber ich nehm nicht ab" -  ist hauptsächlicher Teil der Konversation.
Taktische Strategie: mit möglichst heftigen spritzenden Kraulbewegungen Platz schaffen

Typ 5: Querschwimmer: Hoch gefährlich, weil vollkommen uneinsichtig. "Ich hab doch auch das Recht zu schwimmen!" Einer gegen alle, aber das mit Vehemenz.
Taktische Strategie: Typ 1 und 2 auf sie hetzen.

Typ 6: Verlagsleiterinnen, Autorinnen, nette Menschen: Motto: Ich will doch nur ein bisserl schwimmen. Versuchens immer wieder. Werden durch Erfahrung nicht klüger.

Entscheide mich nun für den Rückzug in den Nichtschwimmerbereich.

Auf dem Rückweg lese ich in der U-Bahn im Buch von Gerhard Fenkart-Fröschl "Quereinsteiger". Köstliche politische Satire. Ignoriere verstohlene abschätzige Blicke der anderen, weil ich laut lache.

Schlagartig erkenne ich Parallelen zwischen politischen Organisationen und meiner bahnbrechenden Schwimmer-Katalogisierung. Schuppen fallen aus den nassen Haaren vor Erkenntnis. Bin auf  etwas wirklich Großes gestoßen. Vor meinem geistigen Auge springen Vertreter der politischen Gruppierungen ins Wasser und ich sehe klar ihren wahren Charakter.
Entscheide mich spontan, beim ORF anzurufen und mich als politische Analystin anzubieten. Statt Filzmaier. Völlig neue Betrachtungsweise. Wird mir viel Ruhm einbringen. Werde Buch darüber schreiben und in die Geschichte eingehen.

Und ab nächster Woche steig ich um auf Pilates.